Irmela Maier anima animalium

Rede von Frau Dr. Antje Lechleiter:

Galerie Knecht, Karlsruhe. Irmela Maier "anima animalium". Eröffnung: Samstag, 11.11.23. Einführung: Dr. Antje Lechleiter©, Freiburg

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Sehr geehrte Anwesende,

der Titel der Ausstellung von Irmela Maier lautet "anima animalium", also "Die Seele der Tiere". In der Tat ist es ihr - und zwar mit erstaunlich kunstfernen Materialen - gelungen, das Wesen von Eisbären, Wölfen und Affen zu ergründen. Und so wie wir es vom Besuch im Zoo her kennen, hat jede Tiergruppe hier in der Galerie einen eigenen Bereich.

Irmela Maier studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, sowie in Paris und London. Schon an der Akademie begann die Künstlerin damit, Kühe in Ton zu modellieren. Sie besuchte dann allerdings eine Malklasse und kam erst später wieder zur Plastik zurück. Seit 1988 hat Irmela Maier ein Atelier auf der Wilhelmshöhe in Ettlingen. Zu den Zoos von Karlsruhe und Stuttgart ist es also nicht weit.

Im Augenblick hat sich Irmela Maier komplett dem Thema "Tier" verschrieben. Sie interessieren ausschließlich selbst beobachtete und natürliche, nicht gestellte Situationen, die sie zunächst mit dem Stift oder dem Fotoapparat festhält. Die Tiere halten natürlich nicht still, doch Sie sehen bei den Skizzen von Giraffen, Nilpferden, Eisbären, Affen und Elefanten, wie flüssig Irmela Maiers Stift beim Zeichnen über das Papier gleitet und wesentliche Elemente der Haltung und des Ausdrucks ihrer Modelle festschreibt.

Für die Arbeit an den großen Tieren besucht die Künstlerin oftmals Recyclingfirmen am Karlsruher Rheinhafen. Als Kupfer noch nicht so teuer war, fand sie dort im Wertmüll den Kupferdraht, mit dem sie das rote Fell des Orang-Utans gestaltete. Sie erstellt zunächst ein Gerüst aus Maschendraht, das mit Abfallmaterialien wie Kronkorken oder Blisterpackungen aufgepolstert wird. Diese Wegwerfprodukte sind oftmals erstaunlich schön, viel bedeutender ist aber, dass sie schon vorhanden sind. Für ihre Herstellung wurden also keine Ressourcen verbraucht. Im Jahr 2022 wurden mehr als 112.000  Quadratkilometer tropischer Regenwald für die Herstellung von Papier, die Holzgewinnung oder zum Abbau von Bodenschätzen wie Eisenerz, Gold, Öl oder Gas vernichtet. Es ist der Künstlerin wichtig zu signalisieren, dass ihre Affen aus dem Abfallmaterial unserer Zivilisation bestehen, welche ihnen letztendlich Tag für Tag den Lebensraum nimmt.

Um den Ausdruck der Hände, Füße und Gesichter so lebendig wie möglich zu gestalten, modelliert sie Irmela Maier aus Ton. In Kombination mit dem Zivilisationsmüll entstehen dabei erstaunlich echt wirkende Tiere, die sich in einem Spannungsfeld zwischen Kunst und Natur befinden.

Lange und genau hat die Künstlerin ihre Modelle beobachtet und vieles dabei von ihnen erfahren. Vieles, aber nicht alles. Wut, Freude, Angst - oftmals sind wir nicht in der Lage, die Emotionen von Tieren richtig zu interpretieren. Erstaunlich menschlich ist zwar der Blick ihres großen, weiblichen Orang Utans, der gerade wie in Verzweiflung die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und auch die kleinen Tonmodelle des Mandrills agieren, als würden sie in einer Zeichensprache kommunizieren.

Letztendlich verstehen wir aber nur bedingt, was wirklich gemeint ist. Es ist typisch für uns Menschen, dass wir versuchen, die Mimik und Gestik von Tieren auf uns bekannte Verhaltensweisen zu übertragen. So erscheint uns der Schimpanse, der in einen runden Spiegel schaut, wie ein kleiner Narziss. Ob er dabei über die Schönheit seines Äußeren reflektiert, wage ich zu bezweifeln, erkennen kann er sich aber auf jeden Fall. Forscher haben das herausgefunden, indem sie Menschenaffen auf der Stirn mit einem Farbpunktmarkierten und ihnen einen Spiegel vorgehalten haben. Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans blickten hinein und versuchten, den Farbpunkt wegzuwischen oder ihn zu betasten. Sie erkannten sich also im Spiegel und entdeckten etwas an sich, das ihnen fremd war.

Dies liefert den Schlüssel zu einem Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Werk Irmela Maiers zieht. Durch den Einsatz von betont kunstfernen, Alltags- und Abfallmaterialien oder auch durch die harte, zerklüftete Oberfläche des gebrannten Tons macht sie deutlich, dass wir keine echten Tiere sehen, sondern Plastiken der Ähnlichkeit mit einem Tier. "Ceci n'est pas une pipe" schrieb Magritte in sein Gemälde "Der Verrat der Bilder" und er hat recht, wir sehen dort keine echte Pfeife, sondern das Bild einer solchen. Um das von ihm gewünschten Ergebnis zu übermitteln, musste Magritte seine Pfeife akribisch genau und mit feinsten Abstufungen malen. An diesen Gedanken knüpft die Künstlerin an und fordert uns zum Nachdenken über das Wesen von Bildhaftigkeit auf. Auch Irmela Maier ist es daher wichtig, eine möglichst enge Beziehung zwischen der Plastik ihrer Tiere und den "echten" Tieren herzustellen. Damit das gelingen kann, beschäftigt sie sich intensiv mit den neuesten Forschungen über deren Verhalten. Sie hat mir in unserem Vorgespräch von Frans de Waals Publikation "Mamas letzte Umarmung" erzählt. Es geht darin um das Gefühlsleben von Menschenaffen, das Verhaltensweisen hervorbringt, die weit über reine Instinkthandlungen hinausgehen. Die Primaten artikulieren sich aber anders als wir Menschen, und so bleiben wir uns trotz einer Übereinstimmung des Erbgutes von 98,7 Prozent mitunter sehr fremd.

Die Auswahl der Tiere geschieht intuitiv. Als die Künstlerin an einem Tag im Zoo Elefanten zeichnen wollte, ließen diese sich nicht blicken. So entstanden Skizzen, die schließlich in der Serie von Eisbären mündete. Die hier gezeigten Tiere wurden aus Ton modelliert und sie zeigen das Wesen aber auch unsere Vorstellung vom Wesen dieses Tieres. Der Eisbär ist ein extrem gefährliches Raubtier, dennoch strahlt das dick auf seinem Hintern sitzende Exemplar jene "bärige Gemütlichkeit" aus, die wir von den Teddys im Kinderzimmer her kennen.

"Affentheater" war der Titel einer Ausstellung, die 2014 in Aalen und hier in der Galerie Knecht in Karlsruhe stattgefunden hat. Bis heute haben einige ihrer Installationen einen ausgesprochen szenischen Charakter, so etwa die hier ausgestellte "Meute". Wir sehen einen kleinen Wolf, gestaltet aus Recyclingmaterial und Draht, der vor einer Anzahl von Wolfsköpfen aus Ton steht. Jene haben sich einzeln und paarweise auf der Wand versammelt und verfügen über Stimmungslagen, die von aggressivem Zähnefletschen bis zum behaglichen Wohlbefinden reichen. Die Rückenfigur des kleinen Wolfes ist dabei die Vermittlungsfigur, die uns ins Bild leitet: Und was wir dort sehen, pendelt zwischen der alten Welt von Mythen und Märchen und der aktuellen Situation, die Wiederansiedlung des Wolfes betreffend. Was also sehen wir? Den bösen Wolf, der die Schafe und das Rotkäppchen tötet oder den ursprünglichen Bewohner des Schwarzwaldes? Auch hier geht es also um einen Wahrnehmungsprozess, der sowohl das Kunstwerk selbst, als auch uns und unseren Betrachterstandpunkt beinhaltet.

Das Motiv der Maske verweist natürlich ebenfalls auf die Welt des Theaters. Mehrere Affen halten Larven in ihren Händen. Manchmal zeigen diese einen anderen Gesichtsausdruck und drücken damit einen Rollenwechsel aus. Es gibt im Oeuvre der Künstlerin aber auch Masken, die mit den jeweiligen Gesichtern identisch sind. Was aber hat die Maske für einen Sinn, wenn sie ihren Träger nicht maskiert sondern selbst dessen Gesicht zeigt? Keinen und so führt der Affe ein sinnloses Tun vor und macht den Menschen zum Affen.

Der Affe als Mensch beziehungsweise der Mensch als Affe, dieses literarisch häufig verarbeitete Motiv finden wir auch bei dem Schimpasen aus Ton, der eine Schimpansenmaske in der einen und eine Weltkugel in der anderen Hand hält. Irmela Maier erzählte mir, dass im Zoo das Futter für die Schimpansen in Kugeln versteckt wird und sie hatte daraufhin die Assoziation an Atlasfiguren, die gemäß antiker Mythologie das Himmelsgewölbe stützen. Mich erinnert das Werk wiederum an eine Darstellung auf Pieter Brueghels Sprichwortbild. Ein vornehm gekleideter Mann lässt die Welt auf seinem Daumen tanzen, was ein Sinnbild für Eitelkeit und Hochmut ist. Eine Eigenschaft die allerdings weniger zu Tieren, als zu uns Menschen passt.

Ihre Tierbeobachtungen sind mitunter also mit Bildern aus unserem kollektiven Gedächtnis verknüpft. Und nicht nur das: Angesichts der beiden Paviane, die den Schädel ihrer Artgenossen in Händen halten, musste ich an den berühmten Satz "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ aus Shakespeares Hamlet denken.

Ganz neu und besonders eindrucksvoll ist die große Schimpansin, die sie im Karlsruher Zoo beobachtete und die immer ein Tuch mit sich herumschleppte. Dieser Eindruck hat sich während der Gestaltung komplett verselbständigt, denn jetzt steigt über dem Primaten eine riesige dunkle Drahthaarwolke empor. Zu seiner rebellischen Haltung und Punk-Frisur passt natürlich perfekt die Fahne jenes Landes, in dem diese Bewegung Mitte der 1970er Jahre entstanden ist.

Sehr geehrte Anwesende, Irmela Maier kann tolle Geschichten von ihren Besuchen im Zoo und der Beobachtung der Tiere erzählen. Mich fasziniert, dass sie sich über das, was man als "arme" Materialien bezeichnet, dem Wesen der Tiere auf eine sehr sensible Weise angenähert hat. Und uns bringt sie mit ihren Materialcollagen zum Nachdenken: Natürlich über die "Anima Animalium" aber auch über das Wesen von Bild und Abbild, Kunst und Natur. Eine tierisch gelungene Ausstellung!